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Di

08

Jul

2008

Spur der Grenzsteine: Entlang der Oder-Neiße

 

Etwa 600 km von Zittau in Sachsen nach Ahlbeck an die Pommersche Bucht und von dort noch knapp 100 km auf dem Ostseeradweg nach Greifswald. Auf dem Weg liegen verlassen wirkende Dörfer, endlose Fahrten am Oderdeich, Erfrischungsbäder im 23 Grad warmen Stettiner Haff, restaurierte Schlösser, bewusst enge Überholmanöver aggressiver junger ostdeutscher Autofahrer, ignorante Zimmervermieter, sichtbare Zeugnisse der Folgen des zweiten Weltkriegs, geteilte Städte mit sichtbarem Wohlstandsgefälle, Nächte auf viel zu weichen Matratzen in kitschigen Privatzimmern und hier und da ein Grenzübertritt ins Nachbarland Polen, das seit Dezember 2007 die Grenzkontrollen getreu des Schengener Abkommens eingestellt hat. Wir durchqueren Dörfer und Kleinstädte, die es schon vor 700 oder 800 Jahren gab, als slawische Stämme diese Region besiedelten. Zahllose rudimentäre Brückenpfeiler und etliche unterbrochene Bahnlinien erinnern an die Zeit, als Oder und Neiße noch eine bewachte Grenze bildeten. Inzwischen kommen sich die Bürger beider Uferseiten im kleinen Grenzverkehr wieder näher. Im mecklenburg-vorpommerschen Löcknitz gibt es ein Deutsch-Polnisches Gymnasium und die Tourismusbehörden beider Länder versuchen, die Radwanderer auf ein integriertes Wegenetz diesseits und jenseits von Oder und Neiße zu locken.

Städte wie Schwedt und Eisenhüttenstadt, die man eher mit schmutziger Industrie verbindet, sind hübscher als im Voruteil. In fast jeder Stadt an der Oder führt eine Brücke ins Nachbarland, auf der Fußgänger und Radfahrer die Grenze kreuzen. Das Wohlstandsgefälle ist optisch sofort am baulichen Zustand der Häuser erkennbar.

 

Privatgespräche ergeben sich mit den Zimmervermietern selten. In Forst zum Beispiel, einer unglaublich deprimierenden Stadt, ist die Vermieterin Frau K. besonders freundlich. Fast ein Drittel der 30.000 Bewohner hätte Forst nach der Wende verlassen, erzählt sie uns. Die nach einem langen Fahrradtag heiß ersehnte Dusche wird erst warm, nachdem sie ihren Sohn telefonisch gefragt hat, welchen Knopf man an der Theme drücken müsse. Frau K. erzählt uns, dass ihre Tochter eine ambitionierte Radrennfahrerinn ist - natürlich im Westen. Ansonsten sind die Kontakte zu den Ostdeutschen sachlich und distanziert. Man bemüht sich nicht mehr viel, miteinander ins Gespräch zu kommen. Beide Seiten haben sich damit abgefunden, dass sie von unterschiedlichen Mentalitäten geprägt sind. Kurze Zimmereinweisung, Schlüsselübergabe, Bezahlen schon am Abend, und am nächsten Morgen geht es oft ohne Abschied weiter.

 

In Brieskow-Finkenheerd, der Ort war von der Oderflut 1997 besonders stark betroffen, hat der Vermieter, ein Fischer, sein Boot mit komfortablen Sitzplätzen ausgestattet. Am Bug steht der Flachbildschirm. Seine Kumpel wollen das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft verfolgen. Vom Endspiel bekommen die beiden Reisenden die etwas kläglichen, verzögerten Anfeuerungsrufe der mit Nationaltrikots bekleideten Fischerfreunde mit. Im Zimmer steht ein Bildschirm, der so klein ist, dass man den eingeblendeten Spielstand nicht erkennen kann, ohne mit den Augenwimpern gegen die Mattscheibe zu stoßen.

 

Das im Zimmerpreis enthaltene Frühstück besteht meist aus billigen Aufbackbrötchen und nach nichts schmeckendem Billigkäse aus der Folie. Auf Vegetarier sind die Zimmervermieter so gut wie gar nicht eingestellt. Vegetarisch zu frühstücken heißt ganz einfach die Wurst wegzulassen - ohne entsprechende Alternativen. Das heißt: Wenn der mitreisenden Freund vegetarisch frühstücken will, wird mir die Wurst gestrichen - ein Gerechtigkeitsprinzip, das man schon aus dem Berufsleben kennt.

 

Im sogenannten Kaiserbad Ahlbeck (kaiserlich ist allenfalls das Wetter), dort zahlen wir in der Pension "Transvaal" für zwei Nächste 175 EUR, werden wir so empfangen: "Sind das Ihre Fahrräder? Die müssen aber in den Ständer". So empfängt man Gäste: Mit einer Reglementierung - keine Begrüßung, keine Vorstellung, unwissend, dass ein mit 30 kg beladenes Fahrrad in einem Fahrradständer keinen Halt finden würde. Der Mann entpuppt sich als der Schwiegersohn des Wirts. Der Wirt, ein sich neureich, oder vielleicht besser neuwohlhabend gebender Mann, schenkt morgens im Frühstücksraum den Kaffee persönlich ein. Woran mag es nur liegen, dass er die beiden Männer dabei immer vergißt. Liegt es vielleicht daran, dass sie im toten Winkel sitzen oder eben, weil es zwei Männer sind? Ohne ein wiederholtes Bitten ist der gewohnte Coffeinspiegel nicht zu erreichen. Auch diese Pension verlassen wir grußlos. Kein "Waren Sie zufrieden?", kein "gute Weiterfahrt". Wir "durften" dort unsere Räder abstellen, wir "durften" dort übernachten, und wird "durften" dort 175 EUR zurücklassen. Von einer dem Gast zugewandten Dienstleistungsmentalität ist nichts zu spüren. Vielleicht haben es die Betriebe in dem am Wochenende fast ausgebuchten Ahlbeck auch gar nicht nötig.

Entschädigt werden wir durch warmes Sommerwetter, das schönste dieser Tage in ganz Deutschland, weiße Strände und ein "Radeberger" auf der berühmten Seebrücke. Auf der dem Meer zugewandten Seite des Restaurants auf der Seebrücke ist Samstagsabendtanz mit allem was dazu gehört: Einem Diskjockey, der "Griechischer Wein" auflegt und vornehmlich sehnsuchtsvolle Ostschlager. Eine allein am Tisch sitzende Frau in weißer Hose und einem etwas zu groß gemusterten Oberteil gönnt sich einen Weißwein mit Blick auf den roten Sonnenball. 

  

Das Schöne an den Radwanderungen ist ja, dass man immer auch ganz schnell wieder weg ist.