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Mi

10

Jun

2009

"Jedermann": Der Tod an der Tafel

Wo gibt es denn das? Der Teufel verstreut seine Tiraden von der Kanzel, herrlich überzogen und furios dargestellt von dem Amateurschauspieler Rüdiger Reichard. In der evangelischen Kirche St. Michaelis im Hamburger Stadtteil Sülldorf herrscht am 10. Juni der Ausnahmezustand. Der reiche Kaufmann Jedermann (Hajo Hildebrandt) muß sich aufs Sterben vorbereiten. Auf seinem letzten Weg will ihn aber niemand begleiten. Als der Tod nach Jedermann greift, wird es einsam um den reichen Mann. Die Amateurschauspieler um Regisseurin Antje König haben für ihre Interpretation des Mysterienspiels mit einer Kirche eine passende Bühne gefunden. Als Jedermann am Ende doch noch gottesgläubig wird, erhellt sich das über allem Schauspiel schwebende Kreuz - das kann doch kein Zufall sein. Direkt unter dem riesigen Kreuz des sterbenden armen Mannes namens Jesus nimmt das Sterben des reichen Mannes seinen Lauf. Es ist anspruchsvolles Amateurtheater. Die letzten Stunden vor dem Tod nimmt Hildebrandt spielerisch gesehen eher norddeutsch, gedämpft, gelassen. Das leidenschaftliche Festhalten und Zappeln und Zetern am letzten Lebensfädchen kommt leicht unterkühlt rüber. Das muß aber nicht schlecht sein, denn Jedermann ist ein zeitloser Stoff für alle Temperamente und Regionen. Die lang bestehende Gruppe um Antje König hat das Stück mit einer beachtlichen Professionalität auf die Bühne, oder besser in den Altarraum gebracht.

Unter den Besuchern am 10. Juni sitzt in der letzten Reihe auch der Schauspieler Walter Giller. Er soll zum Freundeskreis der Regisseurin gehören. Nun kann er vergleichen, wer die Buhlschaft ausdrucksvoller gespielt hat: Seine Frau Nadja Tiller vor über 40 Jahren in Salzburg oder die Laienschauspielerin Ute Jarosch in der Sülldorfer Kirche.

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