Di
23
Jun
2009
Passtscho - Wandern am Dachstein
Eigentlich ist eine Fahrradreise entlang der Donau von Passau nach Wien geplant, Wandern ohne Fahrrad ist nur Plan B. Weil im Intercity nach Passau schon Wochen vor Reisebeginn keine Fahrradstellplätze mehr frei sind, entscheiden wir uns für einen Wanderurlaub in der Dachstein-Tauern-Region, gebucht über den Veranstalter Natours. Die Entscheidung erweist sich als goldrichtig, denn weite Teile Österreichs versinken Ende Juni in einem Balkantief, das auch die donaunahen Regionen um Linz und Krems sowie Niederösterreich und Teile des Burgenlands ebenfalls nach tagelangem Regen unter Wasser setzt.
Die ersten Tage in Schladming, am Fuße des Dachstein-Massivs im Ennstal, sind feucht und kühl. Morgens sind die Berge in dichten Nebel gehüllt, was unseren Drang dorthin nicht bremsen kann, wenn auch nach drei, vier Stunden Dauerregen die Mienen der Mitwanderer ein wenig düster, wenn nicht bemüht optimistisch ausschauen. Apropos Mitwanderer. Die Gruppen mit den Gästen im Wanderhotel Steirerhof setzen sich alle paar Tage neu zusammen, Gäste reisen ab, neue kommen hinzu. Darunter sind jüngere Trainierte, aber auch gut konditionierte Mitwanderer über 50 und 60. Eine Krankenschwester, ein Zahnarzt, eine Heilpraktikerin, Behördenmitarbeiter, der Durchschnitt halt. Keine Eventsüchtigen, sondern Naturfreunde, die am Ballermann nicht glücklich werden würden. Das Berufliche spielt keine Rolle. Die Gäste haben keine Lust, über berufliche Dinge zu sprechen. So halten sich Fragen wie “Was machst Du denn beruflich” in Grenzen.
Sympathisch sind die allein reisenden Damen. Es gibt eine Hedwig aus Freiburg, eine Inge aus München und eine zweite Hedwig (mit Partner), die wir wegen ihrer belgischen Herkunft (Antwerpen) fortan die “flämische Hedwig” nennen. Verrückt, was wir im Alltag ehe widerwillig tun, machen wir im Urlaub ganz freiwillig: Um sieben Uhr aufstehen, halb acht frühstücken und pünktlich um 9 Uhr Abfahrt mit dem Wanderbus zum Ausgangspunkt der Wanderungen. Karli, wegen der Namensgleichheit mit seinem Vater, dem Seniorinhaber des Hotels, Karl Pitzer, mit einem “i” versehen, versteht es jeden Morgen aufs Neue, die heterogene Gruppe zu motivieren und schon beim Frühstück mit seinen Tourenbeschreibungen aufzuheitern. Er wählt Wege, passend zum Wetter, die jeder bewältigen kann, und trotz der anfänglich feucht-kühlen Witterung strahlt er immer Tatkraft und gute Laune aus. Er ist ein sportlicher, groß gewachsener, natürlicher Enddreissiger mit jungenhaftem Charme. Keine Frage, ein Frauentyp. Er hat eine gute Art, seinen Gästen die eine oder andere Unwägbarkeit der Wanderstecke schmackhaft zu machen. “Links geht’s halt hoch und rechts geht’s halt runter.” Die Bergrealität ist einfach, genauso wie die immer gleichen Fragen der Mitwanderer: Ist das Weg steil? Muss man da kraxeln? Schaffe ich das überhaupt? Wie lange geht die Tour? Wird es regnen, scheint die Sonne? Karli beantwortete alle Fragen mit einer gleich bleibenden freundlichen Engelsgeduld. Manche Wanderung nimmt spontan eine Wendung, etwa dann, wenn es an einer Weggabelung heißt: Ihr könnts da auf dem leichteren Weg weitergehen, aber hier hinauf hats eine schöne Sicht, ihr müsst halt a bisserl aufpassen. Dann packte einen schon der Ehrgeiz. Den “Micky-Maus-Weg” gehen - das muss ja nicht sein. Also stiefelt man mit, bis über 2000 m Höhe, auch wenn der mitunter steile und schmale Weg im Unterbauch des schwindelanfälligen Flachlandtirolers ein heftiges Magenkribbeln verursachte. Belohnt wird die Überwindung der Angst mit spektakulären Aussichten auf die Dachsteinwände, tiefblau schimmernde Seen, einem Erinnerungsfoto neben dem Gipfelkreuz und dem Gefühl, ein Ziel erfolgreich erreicht zu haben.
In den ersten Tagen spüre ich, was zu befürchten war. Mein linkes Knie tut höllisch weh. Besonders beim Bergabgehen durchschießt bei jedem Schritt ein heißer, stechender Schmerz das linke Band der Kniescheibe. Oh weh, muss ich nun den Rest des Urlaubs doch noch Micky-Maus-Wege gehen oder auf dem Hotelbalkon lesen, derweil mein Blick sehnsuchtsvoll auf den Hochwurzen schweift? Ich entscheide mich für “nein”, humpele auf dem Rückweg einer Wanderung bei Sport-Willy vorbei und kaufe mir für schlappe 30 EUR eine Bandage aus Neopren. Sie linderte den Schmerz ein wenig, und ein, zwei Tage später spürte ich vom Knie kaum noch etwas - einfach mit Bewegung und steigender Beanspruchung wegtherapiert. Vom Orthopäden wird keine Rechnung kommen.
Während des täglich dreigängigen Abendessens steigt mein Knie schnell zum Gesprächsthema auf, bündeln sich darin doch sämtliche anderen Wehwehchen der nicht mehr ganz taufrischen Mitwanderer. Die flämische Hedwig bietet mir ihre pflanzliche Heilsalbe an, und mindestens drei Mal am Tag werde ich teilnahmevoll gefragt: “Claus, was macht Dein Knie?” “Wird besser”, antworte ich mit einer Gegenfrage: “Und Deine Achillesverse?” Leidensgenossin Inge aus München, eine vitale, freundliche, sympathische Wandergenossin, hat Probleme mit der Achillessehne. Zwei Tage muss sie deswegen nun schon pausieren, aber jetzt wird zurückgecremt, und zwar wieder mit Hedwigs Zaubersalbe. Die nächste Tour ist Inge wieder mit von der Bergpartie, zwar immer noch nicht ganz schmerzfrei, aber sie machte kein großes Aufheben darum. Frauen sind eben doch die härteren Männer.
Nicht nur in Punkto Heilsalbung erweist sich die flämische Hedwig als eine echte Bereicherung in der Wandergruppe. Mit großer Leichtigkeit geht sie auf den Wanderungen vorneweg und sie schafft etwas, was keinem anderen gelingt: Sie transpiriert fast gar nicht, obwohl sie Baumwollkleidung trägt, während wir in unseren Funktionshemden und Schöffel-Shirts fast ertrinken. Fast glauben wir an ein Wunder. Sie sagt, sie “habe die Bergziege in sich entdeckt”, und wenn man ihren leichten Gang sieht, glaubt man ihr das sofort.
Die Berge tun uns gut, Wirtschaftskrise, Terminhatz und nervige Kollegen sind schon nach der ersten Wanderung vergessen, und noch ein paar Tage später stellt sich ein leichter Trainingseffekt ein, die Grundkondition wird besser. Nun schlägt die Geburtstunde der guten Vorsätze. Wenn mir die Bewegung hier so gut tut, wird sie mir auch im Alltag nützen. Soll ich mit Nordic Walking anfangen, diesem uncoolen, affektierten Powerwandern? Meine Mitwanderin aus dem Burgenland sagt “ja”, drei Mal die Woche 30 Minuten würden für den Anfang genügen, empfiehlt sie. Gleichzeitig erklärt sie mir, wie man die Walkingstöcke richtig einsetzt. Auch lerne ich, dass Wander- und Walkingstöcke zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Walkingstöcke sind leichter. Von Exemplaren, die in der Höhe verstellbar sind, rät sie mir ab. Gleich die passende Größe kaufen.
Am Wochenende bietet das Hotel keine geführten Wanderungen an. Wer umfreundlich ohne Auto angereist ist, muss nun zusehen, wie er mobil bleibt. Gleich in der Nähe des Hotels, es liegt auf einem Plateau auf über 1000 m Höhe, verlaufen zwar ein paar Micky-Maus-Wege wie zum Beispiel der “Weg der Besinnung”, aber das ist etwas für die “Oma nach dem Kaffeetrinken”, sagt mein Mitwanderer Rainer aus Mainz.
Sonnabend nimmt uns Karlis Bruder Markus mit hinab ins Tal nach Schladming zur Planai-Seilbahn, dem Ausgangspunkt unsere Tageswanderung auf den Krahbergzinken. Zurück ins Hotel nach Pichl nehmen wir zu Sechst ein Sammeltaxi in Schladming für 5 EUR pro Person, da kann man preislich nicht meckern, oder wie der Österreicher sagt: Das "passtscho". Am Sonntag haben wir wieder Glück. Ein Ehepaar aus Frankfurt nimmt uns im Auto mit ins Obertal, dem Ausgangspunkt für eine Rundwanderung zum Duisitzkarsee. Die Tour dorthin verläuft zwar im Dauerregen, ist anspruchsvoll, aber die Stimmung in der Wandergruppe ist trotzdem gut. Gerd und Dorothea kennen sich in Flora und Fauna gut aus, weshalb wir noch etliche lehrreiche Hinweise mit auf den Weg bekommen. Es gibt zum Beispiel auch einen gelben, gefleckten Enzian, lerne ich.
Um den Ofen in der Mitte der Duisitzkarhütte hängen Stangen zum Trocknen der von Innen und Außen völlig durchnässten Kleidung. Gleich darunter schwenkt die Wirtin gußeiserne Pfannen und Töpfe, es wird der köstlichste Kaiserschmarrn meines Lebens. Ein Stück Textil über der Trockenstange darüber gerät aus der Balance und rutscht in die Pfanne, zum Glück ist meine Mehlspeise schon unterwegs zu mir. Es sei eh nur Pflanzenöl in der Pfanne, kommentiert die Wirtin das kleine Malheur trocken - passtscho. Auch für die neu hinzugekommenen triefenden Regenwanderer hat sie einen Tipp. “Eure Sachen könnt ihr ruhig dahin legen, trocken werdens eh nicht”.
Der Abschied am letzten Tag fällt schwer, die nächste Wanderung läuft ohne uns, zehn Tage sind um, wie müssen zurück in die große Stadt. Hektik, Handyklingeln in der Bahn, zischende Musikfetzen aus den Ohrstöpseln zukünftiger HNO-Patienten, Wirtschaftskrise und schlechtere Luft. Nun wissen wir genau, was uns in diesen Tagen nicht gefehlt hat und was uns in den kommenden Monaten fehlen wird: Bewegung zwischen lauter “Bergpersönlichkeiten” (so nennt der dortige Bergführer und Fotograf Herbert Raffalt die Berge), die Begegnung mit erdverbundenen, herzlichen und fleißigen Wirtsleuten und nette Gespräche mit unseren Wandergenossen.
clausgrimm.de
